Was Transgenerationale Epigenetik und Kindheitserfahrungen damit zu tun haben
Während einige Menschen bei frostigen Temperaturen aufblühen, fühlen sich andere schon bei leichtem Windzug unwohl oder sogar bedroht. Diese Unterschiede sind nicht nur eine Frage der Physiologie. Immer mehr Forschung deutet darauf hin, dass transgenerationale epigenetische Einflüsse und frühe Kindheitserfahrungen eine Rolle spielen können, wenn Kälte als besonders unangenehm oder gefährlich erlebt wird.
Dieser Artikel beleuchtet, wie tief diese Empfindungen in unserer Biologie und Biografie verwurzelt sein können.
Biologie & individuelle Unterschiede: Warum wir Kälte unterschiedlich wahrnehmen
Zunächst gibt es klare körperliche Faktoren, die beeinflussen, wie wir Kälte empfinden:
- Körperfettanteil: Fett wirkt isolierend. Menschen mit weniger Unterhautfett frieren schneller.
- Durchblutung: Wer zu kalten Händen oder Füßen neigt, empfindet Kälte oft intensiver.
- Schilddrüsenfunktion: Eine träge Schilddrüse kann das Temperaturempfinden verändern.
- Muskelmasse: Muskeln erzeugen Wärme – weniger Muskelmasse bedeutet schnelleres Frieren.
Doch diese Faktoren erklären nicht alles. Manche Menschen empfinden Kälte nicht nur körperlich, sondern emotional als unangenehm oder sogar bedrohlich. Und genau hier wird es spannend.
Kälte als Bedrohung: Wenn das Nervensystem Alarm schlägt
Für einige Menschen ist Kälte nicht einfach ein unangenehmes Gefühl, sondern ein Trigger, der Stress oder Angst auslösen kann. Das autonome Nervensystem reagiert dann übermäßig stark – ähnlich wie bei einer Gefahrensituation. Weil unser Körper nicht nur auf aktuelle Reize reagiert, sondern auch auf gespeicherte Erfahrungen, die über Generationen weitergegeben wurden.
Transgenerationale Epigenetik: Wenn die Erfahrungen unserer Vorfahren weiterwirken
Die Epigenetik erforscht, wie Umweltfaktoren die Aktivität unserer Gene beeinflussen können, ohne die DNA selbst zu verändern. Besonders spannend ist die transgenerationale Epigenetik, also die Weitergabe solcher Veränderungen über mehrere Generationen hinweg. Studien zeigen:
- Traumatische Erfahrungen können epigenetische Spuren hinterlassen, die an Kinder und Enkel weitergegeben werden.
- Dazu gehören auch Erfahrungen extremer Umweltbedingungen wie Hunger, Kälte oder existenzielle Bedrohung. Zum Beispiel wenn die Großeltern oder Eltern flüchten mussten und im Winter vor Kälte leiden mussten.
Wenn Vorfahren z. B. in Kriegswintern, Fluchtphasen oder extremer Armut lebten, könnte ihr Körper gelernt haben: Kälte = Gefahr.
Diese Information kann epigenetisch weitergegeben werden – etwa durch veränderte Stresshormonregulation. Die Nachkommen reagieren dann möglicherweise sensibler auf Kälte, obwohl sie selbst nie eine solche Bedrohung erlebt haben.
Kindheitserfahrungen: Wie frühe Prägungen unser Temperaturempfinden formen
Auch die eigene Kindheit spielt eine große Rolle. Das Nervensystem entwickelt sich in den ersten Lebensjahren besonders schnell und ist extrem formbar.
Mögliche prägende Erfahrungen:
1. Emotionale oder körperliche Vernachlässigung
Kinder, die oft frieren mussten oder nicht ausreichend geschützt wurden, können später eine übersteigerte Kälteempfindlichkeit entwickeln.
Das Nervensystem lernt: Kälte bedeutet Unsicherheit oder fehlende Fürsorge.
2. Traumatische Erlebnisse
Traumata in der Kindheit können langfristig die Stressregulation beeinflussen.
Wenn Kälte damals Teil der Situation war (z. B. draußen warten müssen, kalte Räume, Strafen, im Winter alleine einen langen Schulweg gehen müssen), kann sie später als Bedrohung empfunden werden.
3. Bindungserfahrungen
Eine sichere Bindung vermittelt Wärme – emotional wie körperlich.
Fehlt diese, kann der Körper Kälte stärker als Mangel oder Gefahr interpretieren. Dann kann Kälte zu einem starken Stressauslöser werden – selbst wenn objektiv keine Gefahr besteht.
Was hilft, wenn man Kälte als bedrohlich empfindet?
Auch wenn die Ursachen tief liegen können, ist Veränderung möglich. Einige hilfreiche Ansätze:
- Somatische Körperarbeit (z. B. TRE, Somatic Experiencing)
zur Regulation des Nervensystems. - Traumatherapie
um alte Muster zu lösen. - Sanfte Exposition
den Körper langsam an Kälte gewöhnen, ohne Überforderung. - Wärme als Ressource
Rituale, Kleidung, warme Getränke – bewusst als Sicherheitssignal nutzen.
Der Schlüssel liegt darin, dem Körper neue Erfahrungen von Sicherheit zu geben.
Fazit
Kälteempfinden ist weit mehr als ein körperliches Phänomen. Es ist ein Spiegel unserer Biologie, unserer Geschichte, der Geschichte unserer Eltern und Großeltern und unserer frühesten Erfahrungen als Kinder. Manche Menschen reagieren empfindlicher, weil ihr Nervensystem gelernt hat, Kälte mit Gefahr zu verbinden – sei es durch epigenetische Prägungen oder durch Erlebnisse in der Kindheit.
Dieses Verständnis kann helfen, sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Denn oft steckt hinter dem Frieren nicht Schwäche, sondern eine jahrzehntelange – oder sogar generationenübergreifende – Überlebensstrategie.