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Warum Frauen anders altern und anders Krankheiten bekommen als Männer – und welche Rolle das zweite X-Chromosom dabei spielt

Warum Frauen anders altern und anders Krankheiten bekommen als Männer – und welche Rolle das zweite X-Chromosom dabei spielt

Lange Zeit glaubte die Medizin, dass sich Frauen und Männer vor allem aufgrund ihrer Hormone unterscheiden. Östrogene, Progesteron und Testosteron galten als die Hauptakteure, wenn es um unterschiedliche Krankheitsrisiken ging. Auch der Lebensstil rückte in den Mittelpunkt: Männer rauchen häufiger, Frauen achten stärker auf ihre Gesundheit, Männer treiben mehr Sport, Frauen leben bewusster. Doch heute zeichnet sich ein wesentlich komplexeres Bild ab.

Immer mehr Studien zeigen, dass bereits unsere Geschlechtschromosomen einen erheblichen Einfluss darauf haben, wie wir altern, wie unser Immunsystem arbeitet und für welche Erkrankungen wir anfällig sind. Besonders das zweite X-Chromosom der Frau scheint dabei eine weitaus größere Rolle zu spielen, als man lange angenommen hat.

Zwei X-Chromosomen – ein biologischer Vorteil

Frauen besitzen zwei X-Chromosomen (XX), Männer dagegen ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Das X-Chromosom ist eines der genreichsten Chromosomen des Menschen und enthält Hunderte Gene, die nicht nur die Fortpflanzung betreffen, sondern unter anderem das Immunsystem, die Gehirnentwicklung, Stoffwechselprozesse und die Reparatur von DNA-Schäden beeinflussen.

Lange nahm man an, dass eines der beiden X-Chromosomen bei Frauen vollständig abgeschaltet wird. Heute weiß man jedoch, dass dies nur teilweise stimmt. Etwa 15 bis 30 Prozent der Gene auf dem normalerweise inaktivierten X-Chromosom entgehen dieser Abschaltung. Dadurch verfügen Frauen in vielen Bereichen über eine Art genetische Reserve. Fällt ein Gen auf einem X-Chromosom aus oder arbeitet weniger effizient, kann häufig das zweite X-Chromosom einen Teil der Funktion übernehmen. Dieser Mechanismus könnte erklären, warum Frauen im Durchschnitt länger leben und viele Erkrankungen später entwickeln.

Warum Frauen trotzdem häufiger Autoimmunerkrankungen entwickeln

Der genetische Vorteil hat allerdings auch eine Kehrseite. Viele Gene des Immunsystems liegen auf dem X-Chromosom. Da Frauen von einigen dieser Gene mehr aktive Kopien besitzen, reagiert ihr Immunsystem häufig schneller und stärker auf Krankheitserreger. Das schützt zwar besser vor Infektionen, erhöht aber gleichzeitig das Risiko, dass das Immunsystem irgendwann körpereigenes Gewebe angreift. Deshalb treten Erkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis, Multiple Sklerose, Lupus erythematodes oder rheumatoide Arthritis bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern.

Epigenetik – wenn im Alter Gene wieder „freischaltet“ werden

Noch spannender wird es, wenn man die Epigenetik betrachtet. Unsere Gene sind kein starres Programm. Sie werden durch epigenetische Mechanismen reguliert. Dazu gehören unter anderem DNA-Methylierungen, Histonmodifikationen und nicht-kodierende RNAs. Diese Prozesse entscheiden darüber, welche Gene aktiv sind und welche stillgelegt bleiben. Mit zunehmendem Alter verändert sich dieses fein abgestimmte System. Forschende sprechen inzwischen von einer epigenetischen Drift. Dabei gehen Methylierungsmuster teilweise verloren oder verschieben sich. Gene, die jahrzehntelang kaum aktiv waren, können wieder stärker abgelesen werden, während andere Gene an Aktivität verlieren.

Auch auf dem zweiten X-Chromosom verändern sich diese Regulationsmechanismen im Laufe des Lebens. Einige Gene, die zuvor weitgehend unterdrückt wurden, können ihre Aktivität verändern. Gleichzeitig nimmt die Stabilität der X-Inaktivierung mit dem Alter bei manchen Frauen leicht ab. Die Forschung untersucht derzeit intensiv, welchen Beitrag diese Veränderungen zur Entstehung altersassoziierter Erkrankungen leisten.

Gene allein bestimmen nicht unser Schicksal

Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Nicht die Gene selbst entscheiden über Gesundheit oder Krankheit, sondern ihre Aktivität. Genau hier setzt die Epigenetik an. Ernährung, Bewegung, Schlaf, chronischer Stress, Umweltgifte, soziale Beziehungen und sogar das Darmmikrobiom beeinflussen fortlaufend, welche Gene aktiv sind und welche abgeschaltet bleiben.

Auch Frauen mit einer genetischen Veranlagung für bestimmte Erkrankungen müssen deshalb nicht zwangsläufig erkranken. Umgekehrt können ungünstige Lebensbedingungen genetische Risiken verstärken.

Die Zukunft der Gendermedizin

Lange Zeit wurden Medikamente überwiegend an Männern getestet. Der männliche Organismus galt als Standardmodell der Medizin. Heute weiß man, dass dies zu erheblichen Fehleinschätzungen geführt hat. Frauen zeigen häufig andere Symptome bei Herzinfarkten, reagieren anders auf Medikamente und entwickeln manche Erkrankungen in einem anderen Lebensalter oder Verlauf. Die moderne Gendermedizin berücksichtigt deshalb nicht nur Hormone, sondern zunehmend auch genetische und epigenetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ziel sollte daher ein Gesundheitswesen sein, das Diagnostik, Prävention und Therapie stärker an die biologischen Besonderheiten des einzelnen Menschen anpasst.

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